Vor 150 Jahren, am 13. Juni 1876, erlebte Weinfelden eine Naturkatastrophe gewaltigen Ausmasses. Wassermassen fluteten das Dorf und verwandelten das Gebiet von der Amriswilerstrasse bis hin zum SBB-Bahndamm in eine Seenlandschaft. Wo heute Autos rollen und Passanten flanieren, erstreckte sich damals eine trübe, schlammige Flut. Der Blick in die damalige Feldgasse – die heutige Rathausstrasse – erinnerte fatal an Venedig. Augenzeugenberichte zeichneten ein dramatisches Bild der Zerstörung.
Infolge extremer Niederschläge verwandelten sich die Ottenberger Bäche und der sonst so friedliche Giessen in reissende Ströme. Sie wälzten ungeheure Wassermassen und Geröll ins Tal, lösten Hangrutsche aus und vernichteten weite Rebflächen.
Gefahr kam von oben
Das Dorf versank im Chaos aus Schlamm, Schutt und tiefen Wasserlöchern. Trümmer, Holzstapel und Gerätschaften trieben durch die Strassen. In der Rathausstrasse und angrenzenden Quartieren mussten die Menschen ihre Erdgeschosswohnungen fluchtartig verlassen, zahlreiche Häuser wurden unbewohnbar. Besonders tragisch: Das damals brandneue Wohnhaus des Malermeisters Metzger westlich des Pestalozzischulhauses hielt den Naturgewalten nicht stand und stürzte am Morgen des 13. Juni mit lautem Krachen ein.
Lange Zeit hielt sich die Vermutung, die Thur sei über die Ufer getreten. Doch historische Recherchen in der damaligen «Thurgauer Volkszeitung» stellten klar: Die Thur hielt stand. Die eigentliche Gefahr kam von oben – von den Ottenberger Bergbächen. Selbst der heute so stille Giessen war damals nicht mehr zu bändigen. Auch jenseits der Thur, in Bussnang, hinterliess das Hochwasser seine Spuren. Unter anderem wurde das Notariatsbüro samt Büchern und Zivilstandsakten weggeschwemmt. Die Dokumente, in einer Kiste eingeschlossen, wurden schliesslich in Rüdlingen am Rhein ans Land gespült, dort getrocknet und später wieder in die Heimat zurückgeführt.
Heute, im Jahr 2026, erinnert nur noch wenig an dieses Ereignis. Wer jedoch die Wasserstandstafel beim Haus der Buchhandlung «Klappentext» an der unteren Rathausstrasse betrachtet, blickt auf ein Stück Zeitgeschichte. Es ist eine stumme Mahnung, wie unberechenbar die Natur auch in unserer Heimat sein kann.


