Die Stimmung ist sehr gut am späten Freitagabend in der grossen Garage der ALFAG Weinfelden. Wo normalerweise Lastwagen repariert und gewartet werden, sitzen viele Gäste an ihren Tischen und lachen nach einem feinen Essen über die Spässe der Gewehrgriffgruppe Schönholzerswilen. Zwei Stunden zuvor ist es weniger ein herzhaftes Lachen, viel mehr ein Staunen und Grübeln im weiten Rund, als Martin Lörtscher von seinen Erfahrungen berichtet. Die Gäste erfahren in diesem Moment vom CEO der Frauenfelder Hugelshofer Logistik AG, was es heisst, eine Lastwagenflotte auf Elektro-Antrieb umzustellen.
Zum geselligen Informationsabend im Rahmen des Nutzfahrzeug-Ausstellungs-Wochenendes eingeladen hatte die ALFAG Weinfelden AG. «Wir finden, es ist Zeit, über die neuen Elektro- Lastwägen ein Abend zu machen, um sie euch näher zu bringen. Es läuft in disesem Bereich noch nicht alles ganz so, wie es soll, aber wir sind schon viel weiter gekommen», sagt Geschäftsführer Hansruedi Burkhardt bei der Begrüssung. «Dass es E-Autos gibt, wissen die Leute, aber dass es auch E-Lastwagen gibt, noch kaum. Ja, es gibt sie!»
Grosse Umstellung, grosse Chance
Gleich zu Beginn seines kurzweiligen Referats über die Elektrifizierung einer Lastwagen-Flotte sagt Martin Lörtscher: «Ich weiss, dass es da zwei Lager gibt, ich will deshalb auch nicht missionieren.» Trotzdem wird in seinen Ausführungen klar, für Martin Lörtscher und seine Hugelshofer Logisitik AG führt kein Weg an der Elektrifizierung vorbei – so wie schon vor 100 Jahren kein Weg an der Motorisierung der damaligen Fuhrhalterei vorbei führte. «Auch damals waren die Leute sehr skeptisch, ob sich die Motorisiserung im Transportwesen durchsetzen kann. Zur Sicherheit kaufte man neue Anhänger lieber doch noch mit Kutschbock und manch einer meinte, man brauche einfach mehr Pferde, dann funktionier das auch. Wir erleben den gleichem Wandel in der Antriebstechnologie nun 100 Jahre später wieder. Von Diesel zu Strom.» Bald 100 von 250 Fahrzeugen hat sein Betrieb mittlerweile auf Elektroantrieb umgestellt. «Wir haben zehn Millionen Kilometer Erfahrungen sammeln können und sehr viel gelernt in diesem ganzen Prozess.»
Vier Gründe für die forcierte Umstellung auf den E-Antrieb nennt Lörtscher. Einerseits die beiden Volksentscheide von 2017 und 2023 für die CO2-Ziele sowie das Klimaschutzgesetz. «Ich bin überzeugt, vielen ist bis heute nicht bewusst, was das bedeutet. Fakt ist: bis 2050 soll der Verkehr kein CO2 mehr ausstossen und von Fördergeldern profitiert man nur mit der Umstellung», erklärt Lörtscher. Der dritte Grund sei der viel bessere Wirksungsgrad von rund 90 Prozent bei E-Fahrzeugen gegebenüber allen Verbrennern, welche mehr als die Hälfte der Energie einfach als Wärme verpuffen. «Wenn wir über den San Bernadino nach Süden fahren, holen wir 100 Prozent der Energie durch Rekuperieren zurück. Das ist ein wichtiger und zentraler Aspekt der E-Antriebe. Wir haben Fahrlehrer, die nichts anderes machen, als die Fahrer auf effizientes Fahren zu schulen.» Als vierten Grund nennt Martin Lörtscher auch ein schnell wachsendes Netz an Ladestationen für Lastwagen in der Schweiz. «Wartet nicht auf öffentliche Ladestationen. Ladet selber oder fangt an, im Netzwerk des Nutzfahrzeugverbands zu teilen. Dank Negativpreisen bekommt ihr im Sommer manchmal sogar Geld fürs Laden, das wird es beim Diesel nie geben.»
Kulturwandel ist nötig
Für die Elektrifizierung in einem Transportbetrieb brauche es einen Kulturwandel. Die Anfangsinvestitionen sind gross, nicht nur in neue Fahrzeuge. Auch die Disposition, Routenplanung und Mechanisierung ändert sich grundlegend. «Wenn ihr elektrifizieren wollt, müsst ihr als Chefs vorangehen», sagt Martin Lörtscher an die vielen Transporteure in der Halle gerichtet. Ängste und Vorurteile seitens der Belegschaft gelte es ernst zu nehmen. «Wir haben deshalb auch Messungen zur angeblichen Strahlung in der Führerkabine gemacht. Es hat sich gezeigt, sie ist genau gleich wie bei Dieselfahrzeugen – was am meisten strahlt, ist das Armaturenbrett.» Die grosse Mehrheit seiner Chauffeure habe die Umstellung gerne mitgemacht und wolle heute, da sie einmal E-Lastwagen gefahren sind, nicht mehr zurück zum Diesel.


